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Kleine Universitätsgeschichte

In unserer Forschung beschäftigen wir uns aus vielerlei Perspektiven mit den institutionellen Rahmenbedingungen und den damit verbundenen Organisationsprinzipien von Universitäten. Der soziologische Neo-Institutionalismus bietet ein umfassendes Instrumentarium, um die Komplexität des Feldes zu erfassen, in dem sich heutige Wissenschaftsorganisationen bewegen: zwischen akademischer Freiheit und Humboldt’schen Bildungsidealen, staatlichen Regulierungsansprüchen und statusgruppenparitätischen Partizipationsmechanismen, sowie effizienzbasierten und markt(nachfrage)orientierten Managementansätzen.

Diese Komplexität liegt nicht zuletzt in organisatorischen Pfadabhängigkeiten begründet. Häufig ersetzen die neuen Rahmenbedingungen nämlich die alten Strukturen und Handlungsprinzipien nicht, sondern überlagern, ergänzen und erweitern sie. Um die Gemengelage an Selbstverständnissen, Anspruchshaltungen und Zielvorgaben, sowie die ihnen inhärenten Komplementaritäten und Wiedersprüche besser zu verstehen, lohnt es sich also, einen Blick in die Historie zu werfen. Genauer gesagt, an den Anfang unserer Universitätsgeschichte; in das Gründungsdokument der ältesten Universität auf deutschem Boden, der Ruperto Carola Heidelberg.

Dort wurde 1386, nach Gewährung durch den Papst, eine Universität nach Pariser Vorbild gegründet. In der Gründungsurkunde heißt es, “dass die einzelnen Magister und Doktoren, bevor sie zu den gemeinschaftlichen Handlungen unseres Studiums zugelassen werden, schwören, dass sie die Statuten, Rechte, Privilegien, Freiheiten ebenso wie Immunitäten und Befreiungen desselben Studiums wahren werden.” Ferner, dass “alle seine Diener, nämlich Pedelle, Buchhersteller, Buchhändler, Pergamenter, Schreiber, Illuminatoren und andere ihm Dienende, alle und jeder einzelne, dieselben Privilegien, Befreiungen, Immunitäten und Freiheiten ohne Benachteiligung in ihm genießen sollen.”

Der Rektor sollte, ganz nach Pariser Vorbild, ein Magister in den Künsten sein und nicht von einer anderen Fakultät (Theologie, Recht, Medizin) stammen. Seine Ehre musste gewahrt und seinen Anweisungen gehorcht werden – so lange die Anweisungen erlaubt und ehrenhaft waren. Obwohl sich das aus heutiger Sicht nach weitreichenden Entscheidungskompetenzen und einer klaren Hierarchie anhört, war die Macht des Rektors begrenzt. Er sollte vier Mal pro Jahr im Amt bestätigt werden und die Fakultäten durften sich frei von seinen Anweisungen eigene Statuten geben. Sie mussten allerdings im Beisein aller Mitglieder der jeweiligen Fakultät beschlossen werden und besaßen nur Gültigkeit solange sie “das Studium” nicht beeinträchtigten.

Handlungsleitendes Motiv für alle Mitglieder der Universität waren also die Normen und Werte der akademischen Profession, die sich Seitens der Universität primär durch die gewährten Privilegien und akademischen Freiräume definierten. Der Rektor war als Primus inter Pares vor allem seinen Gleichgestellten Rechenschaft pflichtig.

Es ist deutlich, dass die Universität nicht als nachgelagerte Behörde geplant war, in der staatliches Verwaltungspersonal die Umsetzung politischer Vorgaben überwacht. Die Universität war auch nicht als Unternehmung gedacht, die Vollzeitmanager anhand antizipierter Marktbedarfe strategisch ausrichten müssen. Vielmehr war die gesamte Universität als “Republic of Science” konzipiert, wie es Polanyi so treffend formulierte, in deren Grenzen lediglich das akademische Wertesystem Gültigkeit besitzen sollte. Dieser Geist steckt in dem Ursprung der Universität und ist auch heute noch zu finden.

Gründungsdokument-RupertoCarola2Das Gründungsdokument der Ruperto Carola, hier der vollständige Text.

Institutional Change in Higher Education in Germany and the Emergence of the Entrepreneurial University

Another paper is going to be presented at the Higher Education Research Conference in Zürich: Markus Reihlen, Ferdinand Wenzlaff, and Johann Bronstein Bejarano (all from Leuphana University of Lüneburg) attempted to provide a broader understanding of the emergence of entrepreneurial universities. A key argument is that academic entrepreneurship is a response to the institutional change of the higher education field. Therefore the drivers of change and the properties of the eras of higher education must be explained. You find the abstract here:

Within the last 60 years, the German system of higher education has transformed gradually from professional dominance inspired by the Humboldtian model of a rule-governed community of scholars based on values of free inquiry, academic autonomy, and self-regulation into a new regime of managed education. On the macro level, we contribute to the very little research, synthesizing existing findings into a broader, longitudinal analysis of the institutional changes that have unfolded during the postwar period. We develop a better understanding of the societal and managerial issues of the transition and change by employing a theoretical framework of organizational institutionalism by identifying three eras of educational systems in post war Germany: the era of professional dominance, the era of federal involvement and democraticzation, and the era of managed education associated with the rise of the entrepreneurial university. For each era we expound the characterizing institutional logics, actors and governance systems as well as the mechanisms or events which triggered change. On the micro level, very little empirical research has been conducted on the specific institutional conditions, change processes, and practices of entrepreneurial universities in the German context. By illustrating a unique case of one of the most radical transformations of a university in the German postwar period, we contribute to the research gap how a more traditional public university is turned into an entrepreneurial one as a strategic response to institutional change.