Monthly Archives: April 2014

Rückschritt für Wissenschaftsfreiheit und Hochschulautonomie

Wissenschaftsorganisationen kommentieren Hochschulzukunftsgesetz für Nordrhein-Westfalen kritisch

In einer gemeinsamen knappen Pressemitteilung vom 24.04.2014 kritisieren zahlreiche Wissenschaftsorganisationen von der Humboldt-Stiftung bis zur DFG den neuen vom Landeskabinett in NRW beschlossenen Entwurf des Hochschulzukunftgesetzes.

Wir werden die Debatte gespannt weiterverfolgen. Wird in NRW tatsächlich das Pendel weg von Autonomie und zurück zur staatlichen Detailsteuerung schwingen oder wird die Regierung dem Druck der Wissenschaftsorganisationen nachgeben? Möglicherweise ist auch Widerstand seitens der Hochschulen in NRW zu erwarten.

(3) Zur Zukunft der Wissenschaftsforschung in Deutschland

In einem Positionspapier fordert der Wissenschaftsrat mehr empirische Wissenschafts- und Hochschulforschung in Deutschland. Der Rat attestiert der Wissenschaftsforschung eine vergleichsweise schwache institutionelle Verankerung, trotz ihrer hohen Relevanz für die Reflexion wissenschaftspolitischer Entscheidungen. Die starke Drittmittelabhängigkeit des interdisziplinären Forschungsfeldes ist ein weiterer Kritikpunkt. Zur Behebung dieser Defizite schlägt der Wissenschaftsrat u.a. folgende Maßnahmen vor:

  • Konsolidierung der bestehenden Forschungsinstitute (insb. DZHW und iFQ) zu einem Kompetenzzentrum der empirischen Wissenschafts- und Hochschulforschung
  • Einrichtung von Professuren und profilbildenden Bereichen an Hochschulen
  • Koordinierung der Studienangebote und Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses

Die Diagnose sowie die vorgeschlagenen Maßnahmen und die verfolgten Ziele erinnern stark an die Ergebnisse der Paneldiskussion der GfHf sowie an das Memorandum zur Zukunft der Hochschulforschung in Deutschland.

Thema Hochschulfusion in Deutschland geht voran

Hochschulfusionen sind in den USA, Australien, Großbritannien, aber auch Südafrika und in Skandinavien ein Thema seit längerer Zeit. In Deutschland fanden bisher vergleichsweise wenige Hochschulfusionen statt. Ein größere Welle von Hochschulfusionen kann noch erwartet werden.

Lausitz und Heide

Die jüngste und kontrovers debattierte Hochschulfusion fand zwischen der BTU Cottbus und der Hochschule Lausitz zur BTU Cottbus-Senftenberg statt. Diese Fusion ist damit die zweite innerhalb Deutschlands, bei der verschiedene Hochschutypen fusioniert wurden. Während die Fusion der Universität Lüneburg und Fachhochschule Nordostniedersachsen mittlerweile überwiegend als Erfolg angesehen werden, bleibt eine Bewertung der Lausitzer Fusion noch abzuwarten.

Ruhrgebiet

Lothar Zechlin reflektierte 2013 in einem Rückblick die Fusion der Universitäten Duisburg und Essen zur UDE. Zur Bewertung der Fusion schlägt er ein zweistufiges Thema vor: zunächst ist ein Erfolg, wenn die akademischen Kernprozesse innerhalb einer neuen Struktur mit Aussicht auf höhere Qualität ablaufen können. In zweiter Stufe ist dann zu bewerten, ob bessere Ergebnisse erreicht werden konnten und ob dies ohne die Fusion möglich gewesen wäre

Der Erfolg auf der Stufe 1 ist aufgrund stabilisierter Prozesse zu verzeichnen. Allerdings zeigt sich auch, dass die geplanten Profilierungen der Standorte nur sehr zäh vorangeht. Der komplette Umzug der BWL von Essen nach Duisburg scheiterte zunächst auch an den verfügbaren Räumlichkeiten. Daher und aus anderen Gründen wurden vom Land fusionsbedingte (Um)bauten von über 50 Mio. Euro und bald noch einmal so viel Mittel für weitere Baumaßnahmen bewilligt. “Als Sparmodell, wie ursprünglich propagiert, hat sich die Fusion nicht erwiesen. Sollten andere Bundesländer (man denke an die Diskussionen um die BTU Cottbus und die FH Lausitz) ähnliche Projekte beabsichtigen, sollten sie daran denken, dass Fusionen Investitionen sind: Man muss erst einmal zahlen, um daraus dann später Erfolge zu erzielen.” (Zechlin).

Der Erfolg auf Stufe 2 zeichnet sich allein durch den Größeneffekt ab, mit dem eine höhere Sichtbarkeit erreicht werden konnte (UDE in TOP 100 des Times Higher Education Ranking von Universitäen, die jünger als 50 Jahre sind). Allerdings ergibt sich kein eindeutiges Bild fusionsspezifischer Leistungssteigerung: “Die für die Integrationsphase
der Jahre 2007 ff. erwartete fusionsspezifische Leistungssteigerung ist zwar in allen Dimensionen eingetreten, diese Steigerungen sind aber auch bei anderen Hochschulen
eingetreten. […] gewesen. Alles, was sich auf die Frage nach dem Erfolg “2” antworten lässt, scheint deshalb zu sein, dass die strategische Option “Fusion” zwar erfolgreich gewesen ist, sie sich also “gelohnt” hat,  dass es damals aber vermutlich auch andere Optionen gegeben hätte, die jedenfalls nicht von vorneherein aussichtslos gewesen wären. Solche Überlegungen gehören in die Phase der strategischen Planung
und sollten bei zukünftigen Fusionsvorhaben gründlich berücksichtigt werden.” (Zechlin)

Nächste Experimente in Thüringen und im Saarland

Die Fraktion Die Linke im Landtag Thühringen hat ein Gutachten des Hochschulraums Thüringen von der Berliner Strategieberatung “MehrWertConsult” erststellen lassen. das Dokument wurde von Prof. Benjamin-Immanuel Hoff und Mitarbeiten erstellt und trägt den Titel »Campus Thüringen« – Perspektive durch Kooperation.

In der Einleitung wird das Motiv des beauftragten Gutachtens dargelegt: “Im Hinblick auf die finanziellen Herausforderungen des Freistaates – aufgrund sinkender
Zuschüsse der EU im Rahmen der Neuausrichtung europäischer Förderpolitik, des Bundes in Folge des Auslaufens des Solidarpakts II im Jahre 2020 -, der demographischen Entwicklung im Land und der Disparitäten in der Entwicklung der einzelnen thüringischen Hochschulstandorte beabsichtigte die Linksfraktion, mit dem Gutachten die Möglichkeiten prüfen zu lassen, Hochschulen bzw. Hochschuleinrichtungen in Thüringen zu fusionieren oder dergestalt miteinander kooperieren zu lassen, dass aus den Synergien ein verbessertes Verhältnis von landesseitigem Finanzierungsaufwand zu Ertrag in Forschung und Lehre erfolgt.”

Folgende Empfehlungen werden gegeben:

– Verzicht des Versprechens der Aufrechterhaltung aller Hochschuleinrichtungen;

– Hochschulentwicklungsplanung darf nicht mehr an Ländergrenzen halt machen (singuläre Hochschulstandorte wie Nordhausen oder Schmalkalden könnten Synergien durch Kooperationen mit Standorten aus benachbarten Bundesländern erreichen);

– auch die regionalen Konzentrationen von Hochschulen und Forschungseinrichtungen in Jena und Erfurt/Weimar sollten hochschulübergreifende Campus-Strukturen entwickeln;

– Zusammenlegungen von Serviceeinrichtungen und Hochschulfusionen sollten stärker in betracht gezogen werden;

– ressortübergreifende Potenziale sollten genutzt werden (z.B. sollte in die Entwicklung des Gesundheitscampus in Jena auch das Landesamt für Verbraucherschutz in Bad Langensalza einbezogen werden).

– Einsetzung einer Enquetekommission zur Thüringer Hochschulentwicklung, um auf dessen Grundlage Ziele und Prämissen der Hochschulentwicklung bis 2030 zu formulieren. Ebenso sollte die Regierung den Wissenschaftsrat um Erarbeitung von Empfehlungen zum Hochschulsystem in Thüringen bitten.

Wir werden weiter verfolgen, wie sich dieser Vorstoß der Linken weiter entwickeln wird.

Auch die saarländische Regierung sieht sich dramtischen demografischen Entwicklungen und Budgetrestriktionen gegenüber, sodass sie den Wissenschaftsrat ein Gutachten erstellen ließ, welches am 24.01.2014 unter dem Titel “Empfehlungen zur Weiterentwicklung des Hochschulsystems des Saarlandes” erschein. Die strukturellen Empfehlungen wurden in der Presse unter den Titeln “Universitätsgutachten verärgert Studenten und Lehrende”  oderKünftig weniger Studienangebote” diskutiert. In dem Gutachten sind auch Überlegungen zu Zusammenschlüssen zu lesen:

“Zur Reorganisation der Wirtschaftswissenschaften wird dem Saarland die Einrichtung einer von beiden Hochschulen getragenen „Business School Saarland“ nahe gelegt. Ziel der Restrukturierung sollte sein, Lehre und Forschung in den Wirtschaftswissenschaften von UdS und HTW zusammenzuführen, deren Effizienz zu steigern und Ressourcen einzusparen.” (Wissenschaftsrat)

Man will hier also wie gewohnt zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Profile schärfen bzw. Sichtbarkeit erhöhen und dabei gleichzeitig Kosten sparen. Dabei sind Zweifel berechtigt, ob dieser doppelte Anspruch erfüllt werden kann.

Katrin's Study of Mental Models accepted at the Academy of Marketing

Katrin Obermeit’s Paper Digging Deeper: Exploring Mental Models of University Choice has been accepted to be presented at the 2014 Annual Conference of the Academy of Marketing in Bournemouth (UK).

Read the abstract:

Market segmentation is an important topic for higher education marketing managers and researchers. Segmenting the student population for recruitment purposes requires a comprehensive understanding of how students choose their preferred institution. Previous research merely focused on cognitive rational or, rarely, emotional choice factors used by students segmented according to socio-demographic criteria.

However, these criteria do not comprise information about the sense making process of prospective students. The aim of this paper is to suggest an alternative segmentation approach based on mental models. By employing the Zaltman Metaphor Elicitation Technique in interviews with 27 first-year bachelor students in Germany, we identified four ideal types of decision-makers with their respective mental models: the relational, the idler, the adventurer, and the utilitarian.

By means of these models we gain a profound understanding on how relevant rational and emotional issues are engaged in sense making of marketing signals when choosing a university. Moreover, contradictory results of previous research can be explained. On this basis, university marketers are provided with relevant insights to develop sophisticated strategies in order to identify and address the most promising target groups for their universities.

Reflections of the 10th New Institutionalism Workshop, 20-21 March, Rome – Part II

The social obligation of research

Bernard Forgues (IAE Lille) raised an important point during his small speech at the panel discussion: scientists develop the taste for an abstract scientific language addressing constructed problems, and thereby forgetting the real world. Honestly, self-critically, and a bit ironically he said that at the end of a paper he has written about institutional work, he asks himself if he really addressed what the actors of his study are actually doing. Since the concepts developed are so abstract, they hardly reflect the practical concerns and actions of the actors studied.

This point was similarly made by Elke Weik (University of Leicester) in her presentation, in which she reported from the state of the art of her long-term project about the enduring features of institutions.

She stumbled upon the scientific contributions of J.W. Goethe, who developed a very critical distance towards the developments of sciences as early as in the 18th century. Being aware of the points raised by Forgues, Goethe proposed five principles of studying social phenomena, which sound inevitably anti-scientific for us as scientists:

(1) There is no subject-object-opposition between the researcher and the object

(2) The phenomena itself is the ultimate reality – the Anschauung emerges out of the object

(3) Rational thinking is only one of multiple necessary approaches to study social life.

(4) Instead of looking focusing on generalities, synchronic developments with eye to differences have to be studied.

(5) Instead of looking for linear causalities, correlations have to be studied. Instead of explanations, descriptions should be offered.

I am not sure how do deal with these propositions, since they suggest exactly the opposite of what we think of social science is about – abstracting, generalizing, idealizing, constructing causalities and so on. Goethe seems to suggest that we should carefully observe and write it down. This may contribute to our knowledge, but not to what we regard as scientific knowledge.

Nevertheless, the critique that social sciences tend to turn way from addressing practical problems seems to be undoubtful and to be a growing topic at conferences (remember my report from the last EFMD conference). We have to rethink the methods as well as the objects. For example, Elke Weik stated the following: we studied too much the poor and very often, our findings did not really help to improve their position. Hence, we should not forget to study the rich, which may help us to address some questions of injustice.